Mein Mann wurde ermordet

Hallo!
Ich heiße Angelika, bin 54 Jahre alt und habe 23 Jahre mit einem Mann zusammengelebt, der eine schwere Hämophilie A hatte. Von den 23 Jahren waren wir 13 Jahre verheiratet und haben zwei Kinder, eine Tochter und einen Sohn.

Seit 12 Jahren bin ich Witwe und meine Kinder wurden ohne Vater groß, denn mein Mann war, wie soviele andere Hämophile HIV-infiziert und verstarb an AIDS, bzw an einer AIDS-assoziierten atypischen Pneumonie. Es ging sehr schnell, innerhalb von 3 Tagen war er tot. Die letzten Stunden verbrachte er im Krankenhaus. Diese 3 Tage und Nächte waren sehr sehr schlimm.

Die ersten Jahre vergingen und ich funktionierte gut, den Kindern versuchte ich zu geben, was sie brauchten, finanziell ging es, da ich als Beamtin meine Arbeit wieder aufnehmen konnte, die Kinder bekamen ihre Rente aus der Stiftung und zusammen mit meiner Witwenrente kamen wir zurecht.
Ich lernte nach 3 Jahren sogar einen anderen Mann kennen und dachte, ich versuche einen Neuanfang. Leider stellte ich nach ein paar Jahren fest, dass Menschen, die mit ihrer Vergangenheit nicht im Reinen sind, keinen Neuanfang machen können. Ich wurde immer weniger belastbar und bekam vor knapp 3 Jahren eine psychosomatische Reha genehmigt wegen unerklärlicher Erschöpfungszustände.

Während dieser Reha wurde ich mit all meiner nicht getrauerten Trauer konfrontiert, mir wurde klar, welche Kraft es gekostet hat, über 10 Jahre lang mit HIV inmitten der Familie ein Leben zu führen, dass lebenswert war. Die Kraftakte an Verdrängung, die notwendig waren, die Zeiten hilflosen Schweigens, des gegenseitigen Schonens, des Nicht-Wahr-Haben-Wollens, die Angst vor körperlicher Nähe, der Wunsch nach Zärtlichkeit, die Angst vor sozialer Ächtung, die Angst um die Kinder, die pure Verzweiflung. Und alles blieb ungesagt, spielte sich nur in unseren Köpfen ab. Wir waren uns einerseits sehr nah und dann wieder so fern.

Seit 3 Jahren versuche ich, wieder Boden unter die Füße zu bekommen. Ich lebe jetzt allein. Meine Kinder wohnen hier in Berlin, aber nicht bei mir. Zum ersten Mal bin ich auf mich allein gestellt. Ich vermisse meinen Mann, ich trauere um ihn und um die Lebenszeit, die uns genommen wurde.
Man versucht mir zu erklären, es handelte sich um eine Verquickung von unglücklichen Umständen. Aber so sehe ich das nicht. Mein Mann wurde ermordet von verantwortungslosen, gleichgültigen, dummen, anonymen Menschen, für die Blut eine Handelsware ist, denen Profit über Sicherheit geht, denen persönliche Macht über Menschenleben geht, Menschen, die einfach den Kopf viel zu lange in den Sand steckten, Menschen, für die die noch Lebenden ein Rechenexempel sind, deren Lebenszeit hochgerechnet wird, damit „diese Verquickung von unglücklichen Umständen“ endlich zu den Akten gelegt werden kann.

Diese Option habe ich leider nicht. Ich weiß nicht, wie mein Leben weitergehen wird, ich weiß nicht, wie lange ich noch brauchen werde, um meine Trauer, meine Wut, meinen Zorn, das Unrecht, das mir und meinen Kindern angetan wurde, zu verarbeiten. Ich kann es mir momentan einfach nicht vorstellen.

Vielleicht antwortet mir ja jemand in einer ähnlichen Situation?

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